Seminar für Lehrerinnen und Lehrer 2005

 

Workshop in Tetovo 5. - 9.5.05

 

Teilnehmer: Verena Brönnimann, Antonia Reichenstein, Liselotte Rippas, Marc Joset, Otto Studer,

 

Filmproduktion: Daniel Wahl (Telebasel)

 

Lokale Organisation: Zoran Andonov

 

 

Freitag, 6.5.05

 

Schulmaterial als Spende

Das Schulmaterial für Fr. 2`000.-, das Zoran für uns organisiert hat, liegt in einer kleinen Papeterie bereit:grossformatiges Zeichnungspapier in mehreren Farben, Kopierpapier, Notizblöcke / Hefte, Bleistifte, Gummi, Wasserfarben, Pinsel, Wandtafelschwämme, Winkelmesser, Dreiecke, Lineale, Zirkel .....

Alles bereits aufgeteilt in 4 Portionen.

 

Grundschulen im Dorf Wratnitza und in Tetovo

Sie trägt den Namen eines lokalen Partisanen, Simce Nastevski

Die Direktorin heisst Lidja Spirovska. Zum Lehrkörper gehört auch eine Psychologin. Das mazedonische Schulhaus macht einen freundlichen, hellen Eindruck; es hat Pflanzen und an den Wänden hängen Zeichnungen, Arbeiten von Kindern und Dokumente von behandelten Themen wie Konfliktbewältigung, Krieg, Frieden. Ein "Gewehrverbotsschild" hängt an der Wand beim Eingang. Der Schule ist ein Internat angeschlossen. Geheizt wird mit Zentralheizung.

Wir besuchen 2 Klassen: In einem kleinen Raum wird eine Kleinklasse unterrichtet. Es sind nur wenige Kinder und sie werden individuell betreut. Eine 4. Klasse hat gerade Deutsch. Anhand stereotyper Dialoge werden Verben geübt. Das verwendete Buch ist zeitgemäss.

Im Gang, der zugleich als Aula dient, werden uns auf der Bühne ein paar Vorführungen gezeigt: ein moderner Tanz mit Musik ab Band; ein traditioneller Tanz mit Handorgelbegleitung; das Mandolinenorchester (inkl. 2 Gitarren) spielt Volkslieder.

Im Lehrerinnenzimmer gibt uns Lidja ein paar Informationen zu Elternarbeit.

 

Das Schulhaus, in dem die albanischen Kinder von 2 älteren Herren unterrichtet werden, ist klein und ziemlich heruntergekommen. Im Winter werden die beiden Räume mit 2 kleinen, wackeligen  Öfen geheizt. Jedes Schulzimmer verfügt über ein Lavabo. In der einen Klasse stehen Gläser mit Blumen und Gräsern auf den Schülertischen; das Fach ist Ökologie, In der andern Klasse sind nur Mädchen, Sie lesen. In beiden Klassen sind ung. 22 Kinder.

 

Wir übergeben der Direktorin einen  Teil des Schulmaterials mit der inständigen Bitte, es den bedürftigeren Kindern ihrer Schule zukommen zu lassen.

 

 Dann besuchten wir die Primarschule Bratstvo in Tetovo.

An dieser Schule werden sowohl Kinder albanischer als auch mazedonischer Herkunft unterrichtet, allerdings in getrennten Klassen.

Wir erhielten die Möglichkeit, 2 verschiedene Schulstunden zu besuchen und waren anschliessend zu einem Gespräch mit dem Direktor der Schule eingeladen.

Dieser Besuch ermöglichte uns einen guten Einblick in die mazedonische Schulwirklichkeit. Es war beeindruckend zu sehen, mit wie wenig Material unterrichtet wird und in welch baufälligem Zustand sich die Schule befindet.

Ebenfalls aufschlussreich war das Gespräch mit dem Direktor. Wir erfuhren, unter anderem, von ihm wie viel in Bezug auf die Elternarbeit schon geleistet wird. Speziell an dieser Schule, an der sich jede Lehrperson verpflichtet, fünf Elternabende pro Schuljahr zu veranstalten.

 

 

Workshops 1-4 von Sa/So

 

Workshop Antonia

Mein Workshop hatte zum Ziel, den Lehrpersonen einen theoretischen Hintergrund in Bezug auf „Kommunikation“ zu vermitteln. Dazu wählte ich das „Vier-Ohren-Modell“ von Schulz von Thun, welches die Interaktionen beim Kommunizieren zu verdeutlichen versucht.

Ich wollte die Lehrkräfte damit darauf aufmerksam machen, wie wichtig eine gute und feinfühlige Kommunikation (auch) zwischen Lehrern und Eltern ist.

 

Die meisten Kursteilnehmen arbeiteten motiviert und interessiert mit. Für viele war dieses Modell ganz neu. Die Meisten erklärten, dass sie zum Thema schon viel aus der Praxis wissen, der Theorieteil bis jetzt aber gefehlt habe.

 

Ich hatte das Gefühl, den Leuten etwas Neues beizubringen, das sie für ihren Unterricht und die Elternarbeit gebrauchen können.

Unterstützt wurde ich von meinem Uebersetzer Harun Emini, der kompetent und engagiert mit mir zusammen gearbeitet hat.

 

Workshop Liselotte

Das Thema meines workshops war: Erfahrungen mit Elternarbeit / Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Eltern und Kindern. Mein Eindruck beim Erfahrungsaustausch war, dass auch in Mazedonien Gespräche mit Eltern nicht allen / nicht immer leicht fallen. Gemeinsame Aktionen mit den Eltern und KIndern einer Klasse, Einladungen zu Vorführungen und der Einbezug der Eltern in den Unterricht wird kaum praktiziert. Die häufigste Frage war: Wie bringe ich die Eltern dazu, dass sie kommen? Ich hoffe, dass meine Vorschläge Anregungen gegeben und Mut gemacht haben.

 

Workshop „Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule ist wichtig“ (Verena)

„Die Beteiligung und das Interesse von Eltern am Schulleben und am Unterrichtsgeschehen sind eine notwendige Bedingung für die Lern- und Persönlichkeitsentwicklung des eigenen Kindes.“

Solche und ähnliche Thesen bildeten den Einstieg in den Workshop. Die Lehrpersonen hatten den Auftrag in Kleingruppen über die 5 Thesen zu diskutieren und ihre Zustimmung oder Ablehnung den andern kundzutun. Jede Gruppe wählte eine These aus und stellte sie gestalterisch dar. Die Collagen, Zeichnungen, „Vorträge“ und schriftlichen Aufzeichnungen waren sehr vielfältig und aussagekräftig. Am Schluss blieb auch noch Zeit zum gegenseitigen Austausch über die Erfahrungen mit Elternarbeit. Am meisten Probleme macht unseren Kolleginnen und Kollegen in Mazedonien das geringe Interesse der Eltern (nur ca. 50 % nehmen an Elternabenden teil) und die Abgrenzung von unangemessen fordernden Eltern (diese haben ein Mitspracherecht beim Curriculum).

 

 Workshop „Gestaltung eines Elternabends“ (Marc)

In Form einer interaktiven Werkstatt erarbeiten die Teilnehmenden die Elemente, die für eine perfekte Vorbereitung des Elterntreffs nötig sind.

Den Obertiteln „Organisation“, „Methode“ und „Inhalt“ ordnen die Teilnehmenden Stichworte zu, diese sie aus ihren Erfahrungen ableiten. Am Schluss steht damit allen eine Checkliste zur Verfügung, die bei der Vorbereitung eines Elterntreffs hilfreich sein kann.

Fazit:

bulletDie Organisation eines Elterntreffs scheint zu klappen, ohne dass man sich gross Gedanken machen muss.  Die Veranstaltungen werden z.T. einfach kurzfristig per Handy einberufen.
bulletDass nicht nur im Unterricht, sondern auch bei Veranstaltungen mit Eltern verschiedene Methoden angewendet werden könnten (Visualisierungen, Gruppengespräche etc.), wird den meisten wohl erst mit diesem Workshop bewusst. (Diese Einschätzung bestätigte sich auch bei den Rollenspielen vom 2. Tag.)
bulletÜber die Inhalte eines Elterntreffs sprudeln die Ideen und walten lebendige Diskussionen – aber eben ohne Struktur und Methode.
bulletDie Feedbacks über den Workshop an den Moderator sind z.T. sehr gegensätzlich: von „das kannten wir alles schon“ bis „sehr hilfreiche neue Impulse“.
bulletZum Glück gibt’s einen clever mitgestaltenden Übersetzer, der den Moderator unterstützt.

 

 

Sonntag, 8. Mai 2005

Um 9. 00 Uhr begann der Einstieg in den zweiten Workshoptag. Zwei mazedonische Kolleginnen hatten sich zur Verfügung gestellt, zwei Rollenspiele zu leiten. Einerseits ist uns der Einbezug von einheimischen Lehrerinnen ein Anliegen, andererseits waren wir recht froh, dass wir diesen Teil an sie abgeben konnten. Ein Rollenspiel, das immer wieder durch Übersetzungen unterbrochen wird, verliert alle Spontaneität. Obwohl wir als Zuschauer/innen mit dabei waren, bekamen wir einen Eindruck von einem Elternabend und einem chaotischen Schulunterricht. Die Eltern waren eingeladen, ihre Meinungen und Ratschläge zum Streit unter den Schülerinnen und Schülern zu äussern. Auf der einen Seite waren die Schulbehörden, inklusive Schulleitung, Psychologin und Lehrervertretung und auf der andern die Eltern. Das Engagement aller war riesig. Die Diskussionskultur unterscheidet sich sehr von der unsrigen. Für uns war es faszinierend zuzusehen.

 

Nach einer kurzen Pause stiegen wir in die Feedbackrunde ein. In zwei Gruppen forderten wir die Teilnehmenden auf, ihre Klebpunkte auf einem Regenbogen (Friedensbrugg) zu platzieren. Der rote Punkt sollte anzeigen, was sie in Bezug auf die Zusammenarbeit mit anderen Kolleginnen und Kollegen und der grüne, was sie vom Workshop über das Thema Elternarbeit profitiert hatten. Im zweiten Teil schrieben alle einzeln auf, welche Themen sie gerne in einem nächsten Workshop bearbeiten möchten. Am meisten Punkte erhielt der Wunsch nach einer Zusammenarbeit mit Schweizer Kollegien oder Schulen. Der grösste Wunsch wäre für sie eine Einladung in die Schweiz. Weitere Themen waren der Umgang mit Kindern aus verschiedenen Ethnien, die Arbeit mit besonders begabten Kindern, die Zusammenarbeit mit lokalen Behörden (z. B. im Umweltschutz), die Organisation einer Exkursion, die Vorbereitung auf eine Prüfung und Spiele zur Konfliktlösung.

In der Schlussrunde mit allen wurden die Themen nochmals genannt und ein Blick in die Zukunft gemacht.

Nach den Abschiedsworten trafen sich alle nochmals auf dem Pausenhof. Das Geschenk an die Schule, die uns ihre Räume zur Verfügung gestellt hatte, war ein Fallschirmtuch. Wer Lust hatte, konnte bei der Demonstration des Tuches mitmachen und so in einer fröhlichen Atmosphäre den Workshop abschliessen.

 

 

Montag, 9.5. 

 

1. Gespräch mit Muamet Demiri,  Finanzchef des Ministeriums Erziehung und  Wissenschaft  der Republik Mazedonien

 

M. Demiri empfängt uns in Vertretung des Erziehungsministers.

Er schildert uns den im Land  laufenden Prozess der Dezentralisierung, den Weg zu einem föderalistischen System. Das Land ist in einer intensiven Phase der Transformation und das Qualitätsniveau ist noch sehr tief. Am 1. Juli 2005 wird das Gesetz in Kraft treten und in 2 Etappen umgesetzt. Zuerst wird u.a. mit Mitteln der Weltbank den Gemeinden im Bereich Infrastruktur zu mehr Autonomie verholfen. Ab 1.1.2007 werden die Gemeinden weitere Kompetenzen erhalten und eigene Steuermittel einsetzen können (z.B. für die Gehälter der Lehrpersonen). Man nimmt bewusst in Kauf, dass wirtschaftlich besser entwickelte Gemeinden über mehr Mittel verfügen, die Schulen besser ausrüsten und höhere Löhne zahlen können. Allerdings ist auch eine Art Finanzausgleich vorgesehen. Parallel dazu soll das Schulwesen „entpolitisiert“ werden, d.h. die Regierungspartei bestimmt nicht mehr die Schulleitungen und Vertretungen in den Schulräten. In Zukunft werden die Schulleiter Manager genannt und vom Schulrat gewählt. Der Schulrat setzt sich zusammen aus je 3 VertreterInnen der Lehrerschaft, der Eltern und der Gemeinde. Die Lehrpläne bleiben unverändert eine zentrale Angelegenheiten des Staates Mazedonien.

Auf die Frage wo noch Handlungs- und Hilfsbedarf ist, nannte M. Demiri den Bereich Ökologie. Wir berichten von unseren Kompostprojekten und müssen erklären was ein Kompostplatz ist.

 

 

2. Augenschein in Lipkovo und Gespräch mit dem Bürgermeister

 

Die Gemeinde Lipkovo liegt nördlich von Skopje unweit der Stadt Kumanovo, an den Hügeln zur Grenze von Kosovo, wo im Jahre 2001 heftige Kämpfe tobten. Die Gemeinde umfasst 15 Dörfer mit einer albanischen Bevölkerung (insgesamt ca. 30'000).

Der Bürgermeister ist erst seit 3 Wochen im Amt. Lipkovo hat keine Industrie und bei einer Arbeitslosigkeit von 90 % sehen die Leute keine wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten.

Auf einem Rundgang stellen wir Armut, Resignation und eine stark vernachlässigte Infrastruktur fest.

 

 

                                                                                                           

Wie weiter?

Ein Einsatz der „Friedensbrugg“ wäre in der Gegend von Kumanovo sehr willkommen. Harun Emini (Uebersetzer Mai 04, 05, spricht fliessend Deutsch) aus diesem Landesteil bietet sich erneut als Organisator an.

Eine lautstarke Auseinandersetzung zwischen Zoran und dem neuen Direktor der Kikis-Schule veranlasst uns auf eine weitere Zusammenarbeit zu verzichten. Er war enttäuscht über die Tatsache, die „Raummiete“ in Form von Geschenken (Fallschirm samt Ball, Schulmaterial für Fr 500.-) zu erhalten. Die erwarteten 100.- hatte er bereits für einen Empfang der örtlichen Honoratoren zur Feier eines Schuljubiläums versprochen… Zoran Andonov wird mühelos eine andere Schule in Tetovo finden.

 

22.5.05, O. Studer und team

 

 

 

 

 

 

 

 

 

FRIEDENSBRUGG, Postfach, CH-4102 Binningen, e-mail:  info@friedensbrugg.ch  

Design: MANDAPRO AG 

                                            Stand: 07. July 2010